Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftliche Psychotherapie

Compassion Focused Therapy

Die Compassion Focused Therapy (CFT) basiert laut Gilbert (2014) auf der Definition des Dalai Lama, wonach Mitgefühl „Sensibilität für das eigene Leid und das Leid anderer, verbunden mit dem tiefen Wunsch, dieses Leid zu lindern oder zu verhindern“, umfasst. Im Deutschen kommt der Begriff „Compassion“ dieser Definition am nächsten. Ziel der CFT ist es, Mitgefühl für sich selbst und andere zu entwickeln und gleichzeitig das Mitgefühl anderer besser annehmen zu können.

Die Compassion Focused Therapy (CFT) wurde von Prof. Paul Gilbert entwickelt und findet weltweit hohes Interesse. Compassion, so Gilbert, wird definiert als die „Empfindsamkeit gegenüber eigenem Leid und dem Leid anderer Menschen, verbunden mit dem Streben, dieses Leid zu lindern und Leid vorzubeugen“. Es geht also immer um Wohlwollen und Einfühlungsvermögen sowie um starkes Engagement und Kompetenz. Damit lässt sich dieser Ansatz lückenlos in das von M. Linehan entwickelte Konzept der Balance zwischen Akzeptanz und Veränderung integrieren.

Die CFT wendet sich mit ihrem Ansatz an Menschen, die chronische und komplexe psychische Probleme im Zusammenhang mit niedrigem Selbstwert und Selbstkritik und Scham haben. CFT vermittelt in gut aufgebauten Übungseinheiten die Fertigkeiten, sich Kompetenzen zum Erleben von innerer Ruhe, von Wohlwollen und Freude an sozialer Kooperation anzueignen – Mitgefühl zu entwickeln, sich selbst und anderen gegenüber. CFT stellt ein eigenständiges Behandlungsprogramm dar, die Interventionen können jedoch problemlos auch modular in jede Einzel-oder Gruppentherapie integriert werden. Wir haben ausgezeichnete Erfahrungen gemacht, indem wir die DBT mit CFT Komponenten angereichert haben.

Was ist Compassion Focused Therapy?

Konzeptueller Hintergrund:

Inhalte der CFT:

In der CFT wird mit den Teilnehmern ein Verständnis für die komplexe Natur des menschlichen Gehirns und eigene „emotionale Vorfahrtsregeln“ entwickelt. Ferner wird der eigene „inneren Kritiker“ und seiner Funktion exploriert und beobachtet. Das Bild eines inneren „wohlwollenden Begleiters“ wird aufgebaut, welcher mitfühlende, unterstützende, innere Prozesse erlebbar macht. Selbstkritische Annahmen werden beobachtet und an ihrer Stelle mitfühlende Selbstermutigung entwickelt. Es werden Strategien für den Umgang mit intensiver Scham erarbeitet, Mitgefühl für andere und von anderen sowie Verbundenheit mit anderen aufgebaut. Ziel ist das Erlernen und Kultivieren eines sogenannten „Compassionate Mind“, einer mitfühlenden Haltung sich und anderen gegenüber. Die Inhalte werden dabei psychoedukativ, anhand von Achtsamkeits- und Imaginationsübungen, Übungen für sich alleine oder in Rollenspielen mit anderen adressiert.

 

Stand der Forschung:

Compassion hat als psychologisches Konzept in den letzten 20 Jahren zunehmend wissenschaftliches Interesse gefunden. Eine Vielzahl von Studien hat gezeigt, dass Mitgefühl die emotionale Verarbeitung beeinflusst, d.h. die Aufmerksamkeit, Verarbeitung, Erinnerung und Reaktion auf emotionale Reize (Kirby, Doty, Petrocchi, & Gilbert, 2017; Seppälä et al., 2017). Auf physiologischer Ebene stehen diese Schlüsselprozesse in direktem Zusammenhang mit der Aktivität des autonomen sympathischen Nervensystems, das emotionsbedingte Handlungstendenzen wie das Pflegen von Beziehung mit anderen Menschen ermöglicht. Die Aktivität des parasympathischen Nervensystems geht mit entsprechenden Beruhigungs- und Bewältigungsstrategien einher. So haben wissenschaftliche Studien gezeigt, dass das Geben und Empfangen von Mitgefühl physiologisch mit der Herzfrequenzvariabilität (z.B. Cosley, McCoy, Saslow, & Epel, 2010; Kim et al., 2020; Kim et al., 2017; Kirby et al., 2017; Matos et al., 2017; Petrocchi et al., 2017; Rockliff, Gilbert, McEwan, Lightman, & Glover 2008), dem Blutdruck und der Cortisol-Reaktivität verbunden ist (Cosley et al., 2010). Es wurde festgestellt, dass das Training von Mitgefühl die Aktivierung der Amygdala und anderer Hirnareale beeinflusst, die an emotionaler Verarbeitung und Empathie beteiligt sind (Derntl et al., 2010; Desbordes et al., 2012; Klimecki, Leiberg, Lamm, & Singer, 2013). Auf psychologischer Ebene haben mehrere Studien signifikante Verringerungen von Angst, Depression, Minderwertigkeits- und Schamgefühlen, Selbstkritik, Angst vor Mitgefühl in Folge von Compassion-Trainings festgestellt. Diese Studien zeigten zudem eine signifikante Zunahme des Wohlbefindens, des positiven Affekts und der Zugehörigkeit, des Gefühls der Entspannung und Sicherheit, des Selbstmitgefühls, des Mitgefühls für andere und von anderen (z.B. Gilbert & Procter, 2006; Klimecki, Leiberg, Lamm, & Singer, 2013; Leaviss & Uttley, 2015; Matos et al, 2017; Petrocchi, Ottaviani, & Couyoumdjian, 2017), der Lebenszufriedenheit und des Wohlbefinden (z.B. Barnard & Curry, 2011; Neff & Germer, 2013; Neff, Kirkpatrick, & Rude, 2007; Zessin et al, 2015), eine Zunahme enger sozialer Beziehungen (z. B. Yarnell & Neff, 2013) und Gefühlen der sozialen Verbundenheit (z. B. Cozolino, 2006; Crocker & Canevello, 2012; Petrocchi et al., 2017). Compassion ist in letzter Zeit auch in den Mittelpunkt von Interventionen bei einer Reihe psychischer Erkrankungen gerückt. Ein erstes systematisches Review zur Wirksamkeit von CFT Interventionen in klinischen Stichproben zeigte eine Verbesserung der psychopathologischen Symptomatik, des Selbstmitgefühls, des interpersonellen und sozialen Funktionsniveaus sowie der Lebensqualität (Leaviss & Uttley, 2015). Vor dem Hintergrund ausgeprägter Scham und Selbstkritik sowie Angst vor Mitgefühl für sich und andere bei Patienten mit Borderline Persönlichkeitsstörung wurde die Durchführbarkeit, Akzeptanz und Wirksamkeit einer 12-wöchigen gruppenbasierten CFT Intervention mit adoleszenten Borderline Patienten überprüft. Die Ergebnisse zeigen bei den Patienten eine hohe Akzeptanz der Intervention, sowie eine signifikante Reduktion von Scham, Selbstkritik, Angst vor Mitgefühl sowie Schwere der psychopathologischen Symptomatik. Aufgrund der Vielzahl der in diesem Zusammenhang bis heute durchgeführten Gruppeninterventionen ist die CFT inzwischen Bestandteil der DBT und DBT-PTSD und fügt sich auch inhaltlich in die Kernkonzepte von Akzeptanz und Veränderung ein.

 

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